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Friedhof Finkenriek · Hamburg-Wilhelmsburg

Die Geschichte des muslimischen Friedhofs Finkenriek

Wie aus der Verlegung von 41 Gräbern für eine Autobahn ein muslimischer Friedhof mit eigenem Gebets- und Waschhaus wurde: warum das Projekt für die Familien in Wilhelmsburg so wichtig ist, wer es in die Hand genommen hat und wie aus einer Notlösung ein Ort für Generationen wurde.

Luftaufnahme des muslimischen Gebets- und Waschhauses auf dem Friedhof Finkenriek mit dem Gräberfeld davor
Das Gebets- und Waschhaus mit dem muslimischen Gräberfeld, beides nach Mekka ausgerichtet.Foto: Islamische Friedhöfe, Drohnenaufnahme September 2026

Die Geschichte hinter dem Projekt

Ein muslimisches Gräberfeld mit eigenem Gebets- und Waschhaus entsteht nicht von allein. Auf Finkenriek brauchte es eine Autobahn, eine Politikerin, die Türen öffnete, und einen Unternehmer aus der Gemeinde, der die Arbeit auf sich nahm.

Warum es wichtig ist

Ein Ort, an dem Muslime in Hamburg bleiben können

In Wilhelmsburg leben seit den 1960er Jahren viele muslimische Familien, die meisten mit Wurzeln in der Türkei. Ihre Kinder und Enkel sind hier geboren, sie arbeiten hier, sie gehören hierher. Wenn jemand starb, gab es auf der Elbinsel trotzdem keinen Ort, an dem eine Bestattung nach islamischem Ritus vollständig möglich war: kein Raum für die rituelle Waschung, kein Platz für das Totengebet, nur ein kleines Feld mit wenigen Gräbern.

Die meisten Familien ließen ihre Verstorbenen deshalb in die Türkei überführen. Das ist teuer, es kostet Tage, und das Grab liegt danach tausende Kilometer von den Angehörigen entfernt. Ein muslimischer Friedhof mit eigenem Waschhaus vor der Haustür bedeutet: Die Toten bleiben dort, wo ihre Familien leben, und die Familien können ihre Gräber besuchen.

Warum dieses Projekt

Mehr als eine Verschiebung von Gräbern

2017 wird klar, dass die geplante Autobahn A 26 Ost genau unter dem alten muslimischen Gräberfeld von Finkenriek hindurchführen soll. 41 Gräber stehen im Weg. Der einfachste Weg wäre gewesen, die Gräber an eine andere Stelle des Friedhofs zu verlegen und es dabei zu belassen.

Genau das sollte nicht passieren. Wenn schon Gräber geöffnet werden müssen, was im Islam nur im Ausnahmefall erlaubt ist, dann sollten die Verstorbenen in ein würdiges, dauerhaftes Feld kommen: in unberührte Erde, nach Mekka ausgerichtet und mit dem Gebets- und Waschhaus, das sich die Gemeinden seit rund fünfzehn Jahren gewünscht hatten. So wurde aus einer Umbettung ein Neuanfang für die muslimische Bestattung im Hamburger Süden.

„Es ist schon ein Unterschied, ob ich ein normales Wohnhaus abreißen muss oder ob ich in dem Zusammenhang Tote umbetten muss. Das ist für die Angehörigen eine ungeheuerlich große emotionale Belastung.“

Daniela Jung, Projektleiterin DEGES, im NDR

Der Mensch dahinter

Osman Kimil: Einer musste es machen

Osman Kimil ist Unternehmer in Hamburg und engagiert sich seit Jahren aktiv für religiöse Anliegen der muslimischen Gemeinden. Er kennt die Moscheevereine, die Imame und die Familien, und er hat über die Jahre viele Kontakte in Politik und Verwaltung aufgebaut.

Als es darum ging, wer das Projekt auf muslimischer Seite in die Hand nimmt, fand sich in der Community sonst niemand, der sich dieser Aufgabe widmen wollte. Ein solches Vorhaben bedeutet jahrelange Gespräche, viele Termine und Verantwortung gegenüber Familien, deren Angehörige umgebettet werden. Osman Kimil hat diese Arbeit übernommen.

2017: Der Beginn

Dr. Herlind Gundelach kommt auf Osman Kimil zu

Die ehemalige Hamburger Senatorin Dr. Herlind Gundelach kannte Osman Kimil aus seinem Engagement für die Gemeinden. Als 2017 die Pläne für die Autobahn feststehen, geht sie auf ihn zu: Das Projekt soll richtig umgesetzt werden, nicht als bloße Verlegung der Grabstätten, sondern als vollwertiger muslimischer Friedhof mit Gebets- und Waschhaus.

Gemeinsam bringen die beiden das Vorhaben auf den Weg: Gundelach mit ihren Verbindungen in Politik und Verwaltung, Kimil mit seinem Rückhalt in der muslimischen Gemeinde. Ihr Ziel ist auch, das Projekt der muslimischen Community vorzustellen und sie von Anfang an einzubinden.

Über ein Jahr Planung

Was ist erlaubt, und wie setzt man es um?

Bevor der erste Stein gesetzt wird, vergeht mehr als ein Jahr allein mit Planung. Am Tisch sitzen die muslimischen Gemeinden und ihre Imame, die Stadt Hamburg, die Stadtplanung und die DEGES als Bauherrin der Autobahn. Osman Kimil übernimmt die Organisation auf muslimischer Seite: Er bringt die Beteiligten zusammen, sammelt die Fragen und trägt die Antworten zurück in die Gemeinden.

Es geht um grundsätzliche religiöse Fragen: Unter welchen Bedingungen dürfen Gräber umgebettet werden? Wie müssen die Verstorbenen dabei behandelt werden? Wie wird sichergestellt, dass im neuen Feld in unberührter Erde bestattet wird und die Totenruhe dauerhaft bleibt? Wie groß muss der Waschraum sein, wie werden Frauen und Männer getrennt, wo wird das Totengebet gesprochen, und wie wird alles nach Mekka ausgerichtet? Auf Wunsch der Imame kommt der Entwurf von einer muslimischen Architektin: Medine Altiok aus Zürich.

Die Fassade des Gebets- und Waschhauses mit Rautenmuster und Maschrabiyya-Gittern aus Klinker
Rautenmuster und Gitter aus Klinker: die fertige Fassade, wie Medine Altiok sie entworfen hat.Foto: Archiv Islamische Friedhöfe

Warum er sich engagiert hat

„Die Verstorbenen sollen hier in Hamburg bleiben“

Seine Antwort auf diese Frage hat Osman Kimil bei der Übergabe im Sommer 2020 dem NDR selbst gegeben. Für ihn ging es darum, dass Muslime in der Stadt, in der sie gelebt haben, auch ihre letzte Ruhe finden, und dass ihre Familien die Gräber besuchen können, ohne dafür in ein anderes Land zu reisen.

Dazu kam die Verantwortung gegenüber den Familien der 41 Verstorbenen, die umgebettet werden mussten. Wenn ihre Gräber schon geöffnet werden, dann sollte am Ende etwas Bleibendes entstehen, das auch den nächsten Generationen dient.

„Für mich persönlich war es ganz wichtig, dass die Verstorbenen hier in Hamburg bleiben und nicht in die Heimatländer zurückgebracht werden müssen.“

Osman Kimil, Vertreter der islamischen Gemeinden in Wilhelmsburg, im NDR zur Übergabe 2020

„Heimat ist dort, wo deine Verstorbenen liegen.“

Weisheit, Verfasser unbekannt
Das neu fertiggestellte Gebets- und Waschhaus im Sommer 2020 mit dem noch leeren Gräberfeld
Sommer 2020: Das Haus ist fertig, das Gräberfeld davor noch leer.Foto: Archiv Islamische Friedhöfe

Das Ergebnis

2020: Alles an einem Ort

Am 28. Juli 2020 wird das Gebets- und Waschhaus an die islamischen Gemeinden übergeben, zusammen mit 104 neuen Grabstellen. Seitdem ist auf Finkenriek eine vollständige islamische Bestattung möglich: Waschung, Totengebet und Beisetzung ohne Sarg, im Grab nach Mekka ausgerichtet. Das Haus wird später für mehrere Architekturpreise nominiert und ausgezeichnet. Wie es dazu kam, zeigt die Chronik am Ende dieser Seite Schritt für Schritt.

Das Gebets- und Waschhaus mit Zeltdach und überdachtem Vorplatz, von oben
Das preisgekrönte Haus heute: Zeltdach aus Zink, sandfarbener Klinker, überdachter Vorplatz.Foto: Islamische Friedhöfe, Drohnenaufnahme September 2026

Auf einen Blick

Projektbeginn
2017, ausgelöst durch die Planung der A 26
Planungsphase
über ein Jahr, 2017 bis 2018
Auf den Weg gebracht von
Osman Kimil und Dr. Herlind Gundelach
Umgebettete Gräber
41 aus dem alten Feld, November 2019
Neues Gräberfeld und Gebets- und Waschhaus
übergeben am 28. Juli 2020
Grabstellen heute
104 (1. Ausbaustufe), bis zu 540 im Endausbau
Gebaut und bezahlt von
DEGES, rund 2,2 Mio. Euro, als Ausgleich für die A 26
Jahre des Wartens auf ein Waschhaus
rund 15, von 2005 bis 2020
Erstes Grab Richtung Mekka
2000er Jahre, auf Antrag aus der muslimischen Gemeinde

Wer mitgewirkt hat

Der muslimische Friedhof ist das Ergebnis vieler Beteiligter: Gemeinden, Politik, Verwaltung, Planer und Handwerker. Die wichtigsten auf einen Blick.

  • Osman Kimil

    Hamburger Unternehmer, engagiert für religiöse Anliegen der muslimischen Gemeinden; übernahm ab 2017 die Organisation des Projekts auf muslimischer Seite und begleitete Planung, Umbettung und Neubau

  • Dr. Herlind Gundelach

    Ehemalige Hamburger Senatorin; ging 2017 auf Osman Kimil zu und brachte das Projekt gemeinsam mit ihm auf den Weg

  • Imame und Vertreter der muslimischen Gemeinden im Süderelberaum

    Forderten das Waschhaus, stimmten Umbettung, Raumprogramm und Entwurf ab, wählten die Architektin mit aus

  • DITIB, SCHURA und VIKZ

    Vertragspartner des Hamburger Staatsvertrags 2012, der Bestattungen nach islamischem Ritus regelt

  • DEGES Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH

    Bauherrin und Gesamtplanung im Auftrag Hamburgs; Projektleitung Daniela Jung

  • Freie und Hansestadt Hamburg, Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation

    Auftraggeberin des Autobahnprojekts, Herausgeberin der Bürgerinformation

  • Bezirksamt Hamburg-Mitte, Friedhofsverwaltung Finkenriek

    Betreiber des Friedhofs bis 2024, Abstimmung von Gräberfeld und Betrieb

  • Medine Altiok Architektur, Zürich (Medine Altiok, Carol Kan)

    Entwurf und Generalplanung des Gebets- und Waschhauses

  • asdfg Architekten, Hamburg

    Detailplanung, Ausschreibung und Bauüberwachung

  • Cemterra GmbH (Heinrich Kettler) und Brandenfels, Münster

    Friedhofs- und Landschaftsplanung des Gräberfeldes

  • Carola Görge, Hamburg

    Tragwerksplanung

  • HLKSE Belp Ingenieure und Sineplan, Hamburg

    Gebäudetechnik

  • Applied Acoustics GmbH, Gelterkinden

    Raumakustik des Gebetsraums

  • S/W Design, Zürich

    Beschilderung (Signaletik)

  • Jens Franke, Hamburg/Berlin

    Architekturfotografie

  • Hamburger Friedhöfe AöR

    Betreiber des Friedhofs seit 1. Januar 2025

Das Gebets- und Waschhaus im Detail

Die wichtigsten Daten des Gebäudes.

Adresse
König-Georg-Deich 24, 21109 Hamburg
Planung und Bau
2017 bis 2020, Grundstein Mai 2019, Übergabe 28. Juli 2020
Nutzfläche
rund 220 m² auf einem Grundstück von 2.300 m², Traufhöhe 3,70 m
Räume
Waschraum, Abschiedsraum, zwei Warteräume, Sanitärräume, Technik, überdachter Platz mit Totenstein
Eingänge
zwei gleichwertige Eingänge, getrennt für Frauen und Männer, ornamentierte Doppeltür vom Waschraum zum Vorplatz
Ausrichtung
Gebäude und Gräber in Gebetsrichtung nach Mekka
Material
sandfarbener Klinker mit Ornamentmauerwerk, Zeltdach aus vorbewittertem Zink, Kalkputz, Eichenholz, Zementfliesen
Besonderheiten
zwei Kuppeln in den Decken, vergoldete Gebetsnische und Kuppel, eigens entworfener Teppich, Akustikvorhang zur Teilung des Gebetsraums
Baukosten
rund 2,2 Mio. Euro

Auszeichnungen

  • BDA Hamburg Architektur Preis 2022, Lobende Erwähnung
  • DAM Preis für Architektur in Deutschland 2022, Shortlist
  • Arc Award 2022, Shortlist
  • EU Mies van der Rohe Award 2022, Nominierung
  • Tag der Architektur 2021, ausgewähltes Projekt
Der überdachte Vorplatz mit dem Totenstein vor der ornamentierten Doppeltür des Waschraums
Der Totenstein unter dem Vordach: Hier wird der Verstorbene für das Totengebet aufgebahrt. Links und rechts die getrennten Eingänge.Foto: Archiv Islamische Friedhöfe

Die Chronik in Kürze

Die wichtigsten Stationen, von den ersten muslimischen Familien in Wilhelmsburg bis heute. Belegt mit den Quellen am Ende der Seite.

  1. 1960er bis 1990er

    Muslime in Wilhelmsburg, aber kein Ort für ihre Toten

    Mit den Gastarbeitern kommen ab den 1960er Jahren viele Muslime nach Wilhelmsburg. Islamische Grabfelder gibt es in Hamburg nur in Ohlsdorf (seit 1941) und Öjendorf (seit 1978), die Waschung nur im Krematorium Ohlsdorf. Die meisten Familien lassen ihre Verstorbenen in die Türkei überführen.

  2. 2000er Jahre

    Das erste Grab Richtung Mekka

    Auf Antrag aus der muslimischen Gemeinde entsteht am Rand des Friedhofs das erste Grab, mit dem Kompass nach Mekka ausgerichtet. Daraus wird ein kleines Feld in den Grabfeldern 25 bis 27, das bis 2017 auf 41 Gräber wächst.

  3. 2005 bis 2016

    Bitten um ein Waschhaus

    Muslimische Vereine und Moscheegemeinden fordern ein Wasch- und Gebetshaus in Wilhelmsburg. In der Bezirksversammlung Hamburg-Mitte gibt es Zustimmung, aber kein Geld.

  4. 2012

    Der Hamburger Staatsvertrag

    Hamburg schließt als erstes Bundesland einen Staatsvertrag mit DITIB, SCHURA und VIKZ. Bestattungen ohne Sarg sind möglich, auf islamischen Gräberfeldern bleibt die Totenruhe dauerhaft gewahrt.

  5. 2017

    Die A 26 und der Beginn des Projekts

    Die geplante A 26 Ost soll unter dem muslimischen Gräberfeld hindurchführen. Dr. Herlind Gundelach und Osman Kimil bringen das Projekt auf den Weg: Statt einer bloßen Verlegung baut die DEGES ein neues Gräberfeld und ein Gebets- und Waschhaus. Im Juli 2017 stellt das Hamburger Abendblatt den ersten Entwurf vor.

  6. 2017 bis 2018

    Über ein Jahr Planung

    Gemeinden, Imame, Stadt Hamburg, Stadtplanung und DEGES stimmen Umbettung, Raumprogramm und religiöse Anforderungen ab. Die Zürcher Architektin Medine Altiok entwirft ein Haus, das hanseatische und islamische Baukultur verbindet.

  7. Mai 2019

    Grundsteinlegung

    Der Grundstein wird gelegt. Das neue Gräberfeld entsteht auf einem ehemaligen Lagerplatz, in Erde, in der nie bestattet wurde.

  8. November 2019

    Umbettung der 41 Gräber

    Die Gräber aus dem alten Feld werden nach den Regeln des Islam und in Abstimmung mit den Angehörigen umgebettet.

  9. 2019 bis 2020

    Bau in der Pandemie

    Das Haus aus sandfarbenem Klinker mit Zeltdach aus Zink entsteht, die entscheidende Bauphase fällt in den ersten Corona-Lockdown.

  10. 28. Juli 2020

    Übergabe

    Die DEGES übergibt das Gebets- und Waschhaus und 104 Grabstellen an die islamischen Gemeinden. Baukosten: rund 2,2 Millionen Euro.

  11. 2021 bis 2022

    Auszeichnungen

    Tag der Architektur 2021, Lobende Erwähnung beim BDA Hamburg Architektur Preis, Shortlist beim DAM Preis und Nominierung für den Mies van der Rohe Award 2022.

  12. 1. Januar 2025

    Übergang zu den Hamburger Friedhöfen

    Finkenriek wechselt vom Bezirksamt Hamburg-Mitte zur Hamburger Friedhöfe AöR.

  13. Heute

    Platz für die nächsten Generationen

    Im Endausbau sind bis zu 540 Grabstellen möglich. Die A 26 Ost selbst ist noch nicht gebaut, die Erörterung im Planfeststellungsverfahren ist für Ende 2026 vorgesehen.

Bestattung auf dem muslimischen Friedhof Finkenriek

Kontakt, Öffnungszeiten, Kosten und der Ablauf einer islamischen Bestattung auf Finkenriek stehen auf der Friedhofsseite.